Zur Bedeutung und Historie des Straßenkreuzes in der Pfarrgasse, Nieder-Olm

Das Kreuz selbst ist auf dieser Aufnahme vor 1930 vor lauter Prozessionsschmuck zwar nicht zu erkennen. Aber die Leere zwischen Kellertür und Fassadenwand belegt, dass das Kreuz zu jener Zeit nicht an der Hausfassade stand, sondern eher mittig auf dem Platz.

Straßenkreuze, Wegekreuze und Flurkreuze sind in katholisch geprägten Regionen häufig anzutreffen. Sie markieren meist Wallfahrts- oder Prozessionswege. Sie können aus Holz, Metall oder – wie in diesem Fall das Straßenkreuz in der Pfarrgasse – aus Stein bestehen.

Über die Entstehungszeit und den Stifter gibt es bisher keine Nachricht. Gemäß der Denkmalliste soll es 1785 errichtet worden sein. (Anm.1)

Nun wurde das Wegekreuz in monatelanger Arbeit erneuert und von Pfarrer Hubert Hilsbos feierlich gesegnet. Regen, Wind, Sonne und Abgase hatten das Kreuz im Laufe der Jahrhunderte stark beschädigt. Das laut Stadtbürgermeister Dirk Hasenfuss stadtbildprägende Kreuz konnte mithilfe von finanzieller Unterstützung der Stadt sowie des Kulturmäzens Peter E. Eckes restauriert werden, um es für die Zukunft zu erhalten.

Im 18. Jahrhundert war Nieder-Olm von einem Schutzwall umgeben – wie der Name der heutigen Wallstraße zeugt. Der gemauerte Schutzwall war kombiniert mit dem geistlichen Schutz durch Wegekreuze an den jeweiligen Ortsausgängen in südlicher, nördlicher, westlicher und östlicher Richtung. Das Kreuz in der Pfarrgasse stand am östlichen Ausgang und bot die Möglichkeit noch einmal um Fürsprache und Schutz zu bitten.

Über Jahrhunderte fanden zu den Hochfesten des katholischen Kirchenjahres festliche Prozessionen zu diesem Wegekreuz statt.

Das Wegekreuz stand nicht immer an der jetzigen Stelle. Bevor in den 1920-er Jahren die ersten Häuser in der Domherrnstraße gebaut wurden, stand es gemäß einem alten Foto mittig auf der heutigen Straßengabelung. Mündlichen Berichten zufolge wurde das Kreuz in den 30-er Jahren von der SA beschädigt, dann in den 40-er Jahren an die heutige Stelle vor das Anwesen Domherrnstraße 2 versetzt. Heute steht es mitten in der Stadt und erinnert an die historischen Ortsgrenzen.

Das stark verwitterte Halbrelief einer Frauenfigur am Kreuzstamm wird unterschiedlich gedeutet.
Dieter Krienke von der Landesdenkmalpflege verweist auf den Bau des nahen spätbarocken Pfarrhauses, das 1765 errichtet wurde und deutet die Frauenfigur als die Hl. Barbara.[Anm. 2] Im von Rettinger und Kirschner verfassten Stadtrundgang heißt es: „Die Besonderheit des Kreuzes besteht in einem Hochrelief am Kreuzstamm, das sich als Heilige Katharina deuten lässt. Die Figur ist leider stark verwittert, doch sind Krone und Palmenzweig deutlich und das Schwert auf das sie sich mit der rechten Hand stützt, im Ansatz zu erkennen. Die ist ein in dieser Form eher seltenes Motiv, findet man doch an dieser Stelle häufig die Heilige Maria Magdalena.“ (Anm.3)

Umwelteinflüsse hatten dem aus Sandstein bestehenden Kreuz stark zugesetzt.

Der Palmzweig symbolisiert das Märtyrertum, das Schwert kennzeichnet den Tod durch ein Schwert. Beide, Barbara und Katharina gehören zu den 14 Nothelfern.

Barbara von Nikomedien war der Legende nach klug und schön und hatte sich, zur Christin bekehrt, einer Verehelichung mit einem heidnischen Mann widersetzt. Ihr reicher Vater ließ sie daraufhin in einen Turm sperren – deshalb gehören Krone und Turm zu ihren Attributen. Als sie standhaft blieb, wurde sie schrecklich gefoltert und am Ende vom eigenen Vater durch das Schwert enthauptet.[Anm. 4] Als Heiligenfigur dargestellt ist die Hl. Barbara durch einen Turm klar erkennbar.

Katharina von Alexandrien war der Legende nach eine Königstochter, überzeugte in einer Debatte die 50 klügsten Philosophen vom Christentum sowie die Ehefrau des heidnischen Kaisers. Für ihren Glauben wurde Katharina gerädert und mit dem Schwert geköpft. Seit dem 8. Jahrhundert wird sie als Heilige verehrt, seit dem 15. Jahrhundert als eine der 14 Nothelfer. Sie gilt als Nothelferin für alle, die in vielen Ängsten sind und unter anderem als Beschützerin der Mädchen und Frauen, der Lehrer, Theologen, Politiker und vieler Handwerksberufe, wie z.B. Buchhändler und Friseure. Sie soll insbesondere Kirchengebäude und Lehrgebäude schützen. Als Heiligenfigur wird sie allgemein mit einem Rad dargestellt.[Anm. 5]

Im stark verwitterten Relief finden wir weder das Symbol eines Turmes (Hl. Barbara), noch eines Rades (Hl. Katharina). Die dargestellten Attribute Palmzweig, Krone und Schwert passen für beide, so kann an dieser Stelle keine klare Zuordnung erfolgen. Gemäß den Legenden gibt es Parallelen bei beiden Heiligen: Beiden Frauen ist schreckliches Unrecht geschehen, beide blieben trotz ihres Leids stark in ihrem Glauben und erfuhren Hilfe und Heilung ihrer Wunden. Beide zählen zu den 14 Nothelfern als Fürsprecherinnen in der Not.

Im Nieder-Olmer Kontext jedoch spricht Vieles für die Darstellung der Hl. Katharina. Seit 1324 verfügt die Pfarrkirche über einen Katharinenaltar,[Anm. 6] sowie ein Katharinenhaus, die von dem erwirtschafteten Erlös des Katharinenaltargutes finanziert wurden.
Bereits in der Dorfbeschreibung von 1577, werden neben 97 Herdstätten noch vier Häuser genannt die den Geistlichen zustehen, darunter auch die "St. Catharinen Behausung".[Anm. 7] Die Dorfbeschreibung vom 9. September 1623 verzeichnet schon 112 Herde. Hier wird auch das "St. Catharinen altargutt" in der hiesigen Pfarrkirche angeführt, "dass anderthalb theil aber zum Allerheiligen altargutt in Maintz im Weissenfrauen closter gehoeret".[Anm. 8] Heute wird die Sakristei allgemein als „Katharinenkapelle“ bezeichnet.

Die Inschrift des Sockels passt letztlich zu beiden: „Lasset uns hinzutreten zum Throne der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden“ In der Bibel geht der Spruch noch weiter: "und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit", Hebr. 4,16.[Anm. 9]

Nach der aufwendigen Restaurierung ist die Inschrift des Straßenkreuzes wieder gut lesbar.

Doch welche Bilder sich seit dem Frühjahr 2021 dort abspielen, das hätten sich die Besucher damals nicht träumen lassen: Astronautenähnlich gekleidete Menschen, die sich in ihren Schutzanzügen nur mühsam bewegen können, beherrschen das Bild in den leeren Gängen. Kein Badegast weit und breit. Stattdessen meterlange Schlangen draußen vor dem Eingang, die darauf warten, einzeln eingelassen zu werden. Wer kommt, füllt mehrere Seiten Papier aus, bevor er sich, auf einem Stuhl sitzend von dem in Plastiksäcken verhüllten Männern und Frauen ein langes Wattestäbchen in die Nase führen und dieses mehrfach kreisen lässt. 

Um an bestimmten gesellschaftlichen Veranstaltungen wie Restaurant- oder Theaterbesuchen teilnehmen zu können, die nur bei Vorlage eines negativen Coronatests möglich sind, richtete die Verbandsgemeinde Nieder-Olm im dortigen Hallenbad ein Testzentrum ein. Flatterbänder und Wegemarkierungen weisen den Besuchern den Weg zu den verschiedenen Teststationen.

Text: Heike Meuser

Fotos: Anuschka Weisener (Stadt Nieder-Olm), Annette Pospesch, Privatarchiv Heike Meuser

Anmerkungen:

  1. Denkmalliste des Landes Rheinland-Pfalz, Stand 2017
  2. Dieter Krienke, „Von der Romanik bis ins frühe 20. Jahrhundert – aus der Bau- und Kunstgeschichte von Nieder-Olm, in: „Nieder-Olm im Herzen von Rheinhessen – Geschichte und Gegenwart", 2014, S. 164, Hrsg: H. V. Kirschner, D. Kuhl und E. Rettinger
  3. H.V. Kirchner und E. Rettinger „Nieder-Olm im Herzen von Rheinhessen - ein Rundgang", 2019
  4. www.heiligenlexikon.de/BiographienB/Barbara.htm
  5. https://www.heiligenlexikon.de/BiographienK/Katharina_von_Alexandria.htm
  6. Karl Johann Brilmayer, Rheinhessen in Vergangenheit und Gegenwart, Gießen, 1905, S. 337
  7. www.regionalgeschichte.net/fileadmin/Superportal/Bibliothek/sammlungen/Laendliche_Rechtsquellen/203Nieder-OlmRatsDorfbeschreibung1577.pdf
  8. https://www.regionalgeschichte.net/fileadmin/Superportal/Bibliothek/sammlungen/Laendliche_Rechtsquellen/205Nieder-OlmRatsDorfbeschreibung1623.pdf
  9. Die Bibel – Einheitsübersetzung 2016