Die wechselvolle Geschichte des Rheinhessenbades

Das Nieder-Olmer Schwimmbad hat in seiner mehr als neunzigjährigen Geschichte schon einiges erlebt – bei seiner Gründung zahlten die Menschen ihren Eintritt noch in Reichsmark, sie lebten nicht in Deutschland, sondern in der Weimarer Republik, die Geburtsstunde des Fernsehers stand noch bevor und eine der schlimmsten Katastrophen überhaupt sollte einige Jahre später in Form des Zweiten Weltkrieges über große Teile der Erde hereinbrechen.

Doch welche Bilder sich seit dem Frühjahr 2021 dort abspielen, das hätten sich die Besucher damals nicht träumen lassen: Astronautenähnlich gekleidete Menschen, die sich in ihren Schutzanzügen nur mühsam bewegen können, beherrschen das Bild in den leeren Gängen. Kein Badegast weit und breit. Stattdessen meterlange Schlangen draußen vor dem Eingang, die darauf warten, einzeln eingelassen zu werden. Wer kommt, füllt mehrere Seiten Papier aus, bevor er sich, auf einem Stuhl sitzend von dem in Plastiksäcken verhüllten Männern und Frauen ein langes Wattestäbchen in die Nase führen und dieses mehrfach kreisen lässt. 

Um an bestimmten gesellschaftlichen Veranstaltungen wie Restaurant- oder Theaterbesuchen teilnehmen zu können, die nur bei Vorlage eines negativen Coronatests möglich sind, richtete die Verbandsgemeinde Nieder-Olm im dortigen Hallenbad ein Testzentrum ein. Flatterbänder und Wegemarkierungen weisen den Besuchern den Weg zu den verschiedenen Teststationen.

Flatterbänder weisen den Weg zu den einzelnen Teststationen
Futuristisch anmutende Gestalten dominieren das Bild im Rheinhessenbad im Frühjahr 2021.
Um das Freibad zu vergrößern, wurde der Bachlauf der Selz 1936 umgelegt. Zur Einweihung wurde ein Schwimmfest veranstaltet.

Streit über die gleichzeitige Nutzung des Bades von Männern und Frauen

Doch schon kurz vor der Eröffnung kam es zu heftigen Auseinandersetzungen hinsichtlich der unterschiedlichen Vorstellungen wie die Nutzung durch Männer und Frauen zu handhaben sei. In der Pfarrchronik wird erklärt: „Von anderen Ideen angekränkelt erklärte der Gemeinderat vor Eröffnung der Badesaison das Bad als „Familienbad“. Pfarrer Villinger setzte sich energisch zur Wehr, eine Generalversammlung sämtlicher katholischer Vereine fasste eine Resolution, in der gegen das Familienbad Stellung genommen wurde, wodurch aber eine Änderung des Betriebes nicht herbeigeführt wurde. Es folgte eine heftige Pressefehde im AZ-Journal und Mainzer Volkszeitung. Erst in Folge unliebsamer Vorkommnisse und Ausschreitungen wurde für das Jahr 1930 im Gemeinderat eine Abteilung herbeigeführt, durch die eine nach Geschlechtern zeitlich begrenzte Badegelegenheit geboten wurde.“

Übrigens kam es zehn Jahre später, also 1940, im Freiburger „Lorettobad“ zu ähnlich hitzigen Diskussionen bis hin zu Bürgerinitiativen, als es um die Nutzung des „Herrenbad“ als „Familienbad“ ging.

Im Mittelalter galt das Baden als Zeitverschwendung

Um die vehemente Ablehnung zu verstehen, hilft es vielleicht zu wissen, dass das Baden im Mittelalter als Zeitverschwendung galt. Die christliche Lehre erklärte Wannenbäder wegen der damit verbundenen Nacktheit als untugendhaft. Die meisten Menschen waren Nichtschwimmer, jedes Jahr verloren Tausende beim Baden in Flüssen und Seen ihr Leben. Im Rahmen der Aufklärung wurde die Bedeutung des Badens für Hygiene und Gesundheit offensichtlich. Vom 18. Jahrhundert an nahm das Schwimmen als Mittel der körperlichen Ertüchtigung an Bedeutung zu. Schwimmbäder, wie wir sie heute kennen, wurden erst Mitte des 19. Jahrhundert in England eingeführt. Das erste „Herrenfreibad“ in Deutschland war das „Lorettobad“ in Freiburg im Breisgau, eröffnet 1841.

In Nieder-Olm wurden die Kontroversen um die Neuerungen heftig ausgelebt. Die Chronik berichtet: „Von den Gegnern wurde daraufhin der Badebesuch boykottiert, dadurch aber auch die finanziellen Einnahmen in Frage gestellt.“ Gemeinderatsmitglieder, die ein „Familienbad“ favorisierten, traten sogar aus der (katholischen) Zentrumspartei aus.

Autoren: Heike Meuser, Anuschka Weisener
Bilder: Heike Meuser, Stadtarchiv Nieder-Olm