Die wechselvolle Geschichte des Rheinhessenbades

Das Nieder-Olmer Schwimmbad hat in seiner mehr als neunzigjährigen Geschichte schon einiges erlebt – bei seiner Gründung zahlten die Menschen ihren Eintritt noch in Reichsmark, sie lebten nicht in Deutschland, sondern in der Weimarer Republik, die Geburtsstunde des Fernsehers stand noch bevor und eine der schlimmsten Katastrophen überhaupt sollte einige Jahre später in Form des Zweiten Weltkrieges über große Teile der Erde hereinbrechen.

Doch welche Bilder sich seit dem Frühjahr 2021 dort abspielen, das hätten sich die Besucher damals nicht träumen lassen: Astronautenähnlich gekleidete Menschen, die sich in ihren Schutzanzügen nur mühsam bewegen können, beherrschen das Bild in den leeren Gängen. Kein Badegast weit und breit. Stattdessen meterlange Schlangen draußen vor dem Eingang, die darauf warten, einzeln eingelassen zu werden. Wer kommt, füllt mehrere Seiten Papier aus, bevor er sich, auf einem Stuhl sitzend von dem in Plastiksäcken verhüllten Männern und Frauen ein langes Wattestäbchen in die Nase führen und dieses mehrfach kreisen lässt. 

Um an bestimmten gesellschaftlichen Veranstaltungen wie Restaurant- oder Theaterbesuchen teilnehmen zu können, die nur bei Vorlage eines negativen Coronatests möglich sind, richtete die Verbandsgemeinde Nieder-Olm im dortigen Hallenbad ein Testzentrum ein. Flatterbänder und Wegemarkierungen weisen den Besuchern den Weg zu den verschiedenen Teststationen.

Flatterbänder weisen den Weg zu den einzelnen Teststationen
Futuristisch anmutende Gestalten dominieren das Bild im Rheinhessenbad im Frühjahr 2021.
Das Schwimmbad 1932, hier floss die Selz noch durch das Bad.

Sorge um die öffentliche Sittlichkeit

Ganz so geordnet verliefen die Anfänge des Schwimmbades nicht.

Das Nieder-Olmer Freibad wurde vor 92 Jahren, am 30. Juni 1929, eröffnet. An die zuvor nur aufgestaute Selz hatte man ein einfaches Becken gebaut, durch das die Selz floss und das Becken mit Wasser alimentierte, ein sogenanntes „kaltes Flussbad“. Nieder-Olm war seinerzeit überwiegend katholisch und der damalige Pfarrer Villinger schreibt in seiner Chronik: „Um den Unfug des freien Badens in der Selz abzustellen, hatte (Schul-) Rektor Roth dem Gemeinderat die Anregung gegeben, eine Badeanstalt an der Selz zu schaffen. Der Gemeinderat machte aus der Anregung ein großzügiges Projekt, zu dem auch der Kirchenvorstand im Interesse der Volksgesundheit und öffentlichen Sittlichkeit seine Zustimmung und Mitwirkung gab, indem er zu diesem Zwecke das an der Selz gelegene Gelände des Kirchengutes veräußerte.“

Um das Freibad zu vergrößern, wurde der Bachlauf der Selz 1936 umgelegt. Zur Einweihung wurde ein Schwimmfest veranstaltet.

Streit über die gleichzeitige Nutzung des Bades von Männern und Frauen

Doch schon kurz vor der Eröffnung kam es zu heftigen Auseinandersetzungen hinsichtlich der unterschiedlichen Vorstellungen wie die Nutzung durch Männer und Frauen zu handhaben sei. In der Pfarrchronik wird erklärt: „Von anderen Ideen angekränkelt erklärte der Gemeinderat vor Eröffnung der Badesaison das Bad als „Familienbad“. Pfarrer Villinger setzte sich energisch zur Wehr, eine Generalversammlung sämtlicher katholischer Vereine fasste eine Resolution, in der gegen das Familienbad Stellung genommen wurde, wodurch aber eine Änderung des Betriebes nicht herbeigeführt wurde. Es folgte eine heftige Pressefehde im AZ-Journal und Mainzer Volkszeitung. Erst in Folge unliebsamer Vorkommnisse und Ausschreitungen wurde für das Jahr 1930 im Gemeinderat eine Abteilung herbeigeführt, durch die eine nach Geschlechtern zeitlich begrenzte Badegelegenheit geboten wurde.“

Übrigens kam es zehn Jahre später, also 1940, im Freiburger „Lorettobad“ zu ähnlich hitzigen Diskussionen bis hin zu Bürgerinitiativen, als es um die Nutzung des „Herrenbad“ als „Familienbad“ ging.

Im Mittelalter galt das Baden als Zeitverschwendung

Um die vehemente Ablehnung zu verstehen, hilft es vielleicht zu wissen, dass das Baden im Mittelalter als Zeitverschwendung galt. Die christliche Lehre erklärte Wannenbäder wegen der damit verbundenen Nacktheit als untugendhaft. Die meisten Menschen waren Nichtschwimmer, jedes Jahr verloren Tausende beim Baden in Flüssen und Seen ihr Leben. Im Rahmen der Aufklärung wurde die Bedeutung des Badens für Hygiene und Gesundheit offensichtlich. Vom 18. Jahrhundert an nahm das Schwimmen als Mittel der körperlichen Ertüchtigung an Bedeutung zu. Schwimmbäder, wie wir sie heute kennen, wurden erst Mitte des 19. Jahrhundert in England eingeführt. Das erste „Herrenfreibad“ in Deutschland war das „Lorettobad“ in Freiburg im Breisgau, eröffnet 1841.

In Nieder-Olm wurden die Kontroversen um die Neuerungen heftig ausgelebt. Die Chronik berichtet: „Von den Gegnern wurde daraufhin der Badebesuch boykottiert, dadurch aber auch die finanziellen Einnahmen in Frage gestellt.“ Gemeinderatsmitglieder, die ein „Familienbad“ favorisierten, traten sogar aus der (katholischen) Zentrumspartei aus.

Luftbildaufnahme von Nieder-Olm aus dem Jahr 1973.

Den Pfarrer kostete der Kampf um das Bad ein „guter Teil seiner Gesundheit“

Eine andere Lösung wurde in der Streitfrage gefunden, indem man durch Spannen einer Jutewand eine räumliche Trennung beim Baden herbeiführte.

Wie Pfarrer Villinger in seiner Chronik vermerkt, wurde seiner Meinung nach somit das Hauptübel, „das gemeinsame Lagern im Grase nicht behoben“. Er schreibt weiter: „Den Pfarrer hat der aufregende Kampf um die Reinerhaltung der christlichen Sittengrundzüge einen guten Teil seiner Gesundheit gekostet.“

Der Streit um die Nutzung des Schwimmbades hatte nicht nur den Pfarrer angestrengt, er hat seinerzeit zu einer Spaltung der Nieder-Olmer in Konservative und Modernisierer geführt. Die 114 Kirchenaustritte aus einer Liste des Bürgermeisters Jakob Sieben von 1948 können jedoch nicht ursächlich mit diesem Schwimmbadstreit in Verbindung gebracht werden. Die Kirchenaustritte erfolgten zwischen 1926 - deutlich vor dem Schwimmbadstreit – bis 1944.

90 Jahre nach Gründung ist die Nutzung des großzügig angelegten Rheinhessenbades als Familienbad selbstverständlich. Das Vorhandensein eines so schönen kommunalen Schwimmbades ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit und sehr zu schätzen.

Autoren: Heike Meuser, Anuschka Weisener
Bilder: Heike Meuser, Margret Horn